Aktive Regelbeugung und soziale Selbstversuche

Bei einigen Spielen ist es sinnvoll, die Regeln zu vereinfachen und schrittweise zu erweitern. Nehmen wir den Drachenwurf, in dem laut Anleitung, die gefangenen Drachen je nach Farbe und Hintergrund miteinander kombiniert und verrechnet werden. Für einen geraubten Drachen gibt es außerdem ein Drachenei zum Trösten, mit dem man bereits gesicherte Drachen wieder in den Farb- und Hintergrundreihen verschieben kann, um so exponentiell mehr Punkte zu ergattern. Das ist für den Einstieg zu aufwendig und es dauert zu lang. Also spielen wir es so: Wer sich zuerst 5 Drachen gesichert hat, ist Gewinner.

Mit farbigen Würfeln Drachen einfangen

Wir kleben nicht an der Spielanleitung. Dafür geeignet sind Spiele, die man Schritt für Schritt ausbauen kann. Wie Drachenwurf.


Das Ergebnis in der Schülerrunde: Die Jungs würfeln, fangen die Drachen, scheren sich nicht um Farbe und Hintergrund. Aber sie hören bei 5 nicht einfach auf, sondern zocken den ganzen Stapel Drachenkärtchen durch. Soll ich sie jetzt wegen Regelbruchs des Tisches verweisen?

Natürlich nicht. Denn die Anwendung von Regeln bedeutet für mich, sie erst zu wiederholen und damit zu bestätigen, sie aber an geeigneter Stelle auch zu verändern. Im Diskurs mit den anderen Teilnehmern einigt man sich auf neue Regeln. Klappt das nicht, zieht man sich auf den vorherigen Regelstand wieder zurück.

Was tut der Beppo der Bock?

Was tut der Bock? So lange ihr euch einig seid, spielt, wie ihr wollt.


Anders gesagt: Wir erlernen nicht Regeltreue, die setzen wir einfach voraus. Auch das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Im offenen Angebot tritt der konsequente Regelbruch nicht auf. Die soziale Kontrolle funktionierte bisher stets, vereinzelte Quertreiber katapultierten sich entweder selbst aus der Spielrunde oder gingen Kompromisse ein.

Die bewusste Regelbeugung hingegen ist Alltag. „Kommt ihr mit dem Spiel klar? Ich denke nämlich, wenn ihr das so …” – „Wir spielen jetzt aber nach unseren Regeln.” OK, dann will ich mal nicht weiter stören. „Räumt ihr das Spiel bitte hinterher wieder ein?!”

Tiere im Kindergarten

Was ist denn mit Tieren, die am Wasser leben, gemeint? - Uneinigkeit und Regeldiskurs sind bei Manimals vorprogrammiert.


Der Regeldiskurs ist nicht nur erlaubt, sondern gewünscht. Das Spiel Viele Dinge besteht eigentlich nur daraus. In der Mitte liegen viele verschiedene Dinge und wir suchen jetzt alle, die mit N anfangen. Und wo der eine nur Werkzeug sieht, findet der andere den Nagel. Oder nimmt gar keine Karte, also Nichts.

Oder wir fragen uns, ob der Maulwurf nun auf der Liste der bedrohten Tierarten steht. Denn einfach töten darf man den Maulwurf ja nicht. Oder hat das Eichhörnchen Arme? Die Lösung im Spiel Manimals sagt nein, aber wir können uns gern einvernehmlich auf etwas anderes einigen. Wenn alle Mitspieler zustimmen.

Letztes Beispiel ist der Schüler, der beim Knobelspiel Hide&Seek Safari aus dem beiliegenden Buch die Lösungsseiten nachgepuzzelt hat, statt die Aufgaben wie vorgesehen zu lösen. Natürlich habe ich ihn darauf hingewiesen, dass das anders gedacht ist. Erfolglos, zum Glück.

Soziale Selbstversuche

Im Programm haben wir viele Spiele, die sicherlich auch pädagogisch attraktiv sind. Wie gesagt, das ist nicht mein Antrieb. Ich will aber nicht abstreiten, dass Was fehlt denn da? die Merkfähigkeit fördert, Twister einen Beitrag zur Körperwahrnehmung leisten kann und Beppo der Bock zum Experimentieren mit kinetischer Energie einlädt.

Wir nannten so etwas früher Körperklaus

Hier mache ich mich im Kindergarten Musikus völlig gefahrlos zum Affen. Ist ja nur ein Spiel und heißt Oups.


Aber dafür gibt es Alternativen aus dem didaktischen Waffenarsenal. Ziemlich alternativlos aber ist das Spielen, wenn es um taktisches und strategisches Handeln im sozialen Miteinander geht. Abgesehen vom prallen Leben selbst fällt mir außer Spielen kaum ein Raum ein, in dem man Handlungsmuster so ausprobieren kann. Gefahrlos, es bleibt schließlich nur ein Spiel.

Deshalb lege ich meinen Mitspielern mit Vorliebe leichtgängige Taktikspiele vor. Mein Prototyp dafür ist Giro Galoppo. Das Spiel nahm ich mal mit zu einer Silvesterfeier, weil dort auch einige Kinder unterwegs waren. Gespielt haben wir mit vier Erwachsenen und einem Kind, das gewonnen hat.

Gesagt - Getan!

Frauen spielen Gesagt-Getan!


Der Reiz liegt für mich darin, beim Spielen immer wieder unter Ungewissheit Enscheidungen zu treffen. Denn da sind ja auch noch andere Menschen am Tisch, und ich weiß nicht, was die als nächstes tun werden.

Da entwickelt jeder für sich eine mehr oder weniger ausgereifte Strategie, testet sie am Spielverlauf, wendet sie an, verändert sie oder muss sie ganz verwerfen. Wir denken vorausschauend, für einen eigenen Zug, für eine Runde, bis wir wieder dran sind, einige angeblich für ein ganzes Spiel. Wir merken, was in einer Situation planbar ist oder eben nicht, reagieren mal spontan, mal durchdacht und erhalten sofort Rückmeldung auf unsere Handlungen.

Wir haben hier einen wunderbaren Raum für soziale Selbstversuche. Schlimmstenfalls ertränken wir unseren Frust mal in Tränchen.

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